~Nylwia~

Eins

Trampelpfade.
Wir gehen sie, weil sie schön sind. Klein, privat, vertraut. Wir gehen sie, um sie nicht zu vergessen. Denn wenn niemand sie betritt, wächst das Unkraut über sie. Man findet sie nicht wider.
Trampelpfade,
sind wie Freunde.

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Deux

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Nylwia

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Kapitel 1: Nylwia quâr purla abús Elifaris

Aus der Ferne klang ein leises Trauerlied in einer alten, längst vergessenen Sprache. Keiner hörte ihr zu, dem Mädchen, welches alleine auf dem verlassenen Friedhof war. Doch wenn jemand da gewesen wäre, dann hätte er angefangen zu weinen. Weil er gespürt hätte, was sie meint, auch wenn er es nicht verstand. Sie saß auf einem, mit Moos überwachsenem Stein, die Beine übereinander geschlagen und den Arm nach hinten gestreckt. Die großen Trauerweiden wogen sich im sanften Wind, die Sonne schien und die Grabsteine ragten wie Unkraut aus der Erde. Das Mädchen hatte die Augen geschlossen und bewegte sich nur leicht, wie die Weiden hinter ihr. Sie beendete den Gesang erst, als die Glocken des Kirchturms zur neunzehnten Stunde des Tages läuteten. Ihre Stimme verging und ihre Hände glitten langsam über das grüne Kleid, um die Wogen darin zu glätten. Nylwia war eine Elfe und gehörte somit zur Mehrheit der Bevölkerung aus dem Dorf Kirkvintani. Ihre Haare hatten die Farbe gleich Sternenstaubs, leicht gräulich bis silber. Ihre Augen waren eisblau und ihre Haut bleich, die Ohren einer jeden Elfe verjüngten sich nach oben zu einer Spitze und die schulterlangen Haare hatte Nylwia sich zu einem Dutt gebunden aus dem zwei Strähnen, leicht wehend im Wind, heraus fielen. Elfen waren taktisch, listig und friedliebend. Mit ihrer Größe waren sie Zwergen überlegen und Sirenen oder Nymphen gleichgestellt. Selbst den Dracheneiern erlegten sie einen Wachstumszauber auf, um sie nicht größer als sich selbst gedeihen zu lassen.

Doch an jenem Tag war nicht an Tod oder Krieg zu denken. Es war ein festlicher und fröhlicher Tag, der Frieden zwischen Ländern und Heerscharen von neuem aufblühen lies. Es war Shirqûinty; Tag der Freude. An diesem Tag zogen Sagenerzähler, Dämonen und Abenteurer, Drachenflüsterer und Zirkusmanegen, Meerjungfrauen, Feen und Nymphen bis hin zu Riesen und sagenumwobenen Heilerinnen und Schamanen durch Zilkür, das Land in dem sie lebten und starben. Es war ein lustiges Treiben. Zur einen Seite die Narren und dressierten Wesen, zur anderen die Geschichten über Krieg und Kampf.

Nylwia stand nun inmitten des Festes und trotz des Todestages ihrer Mutter zauberten die vielen Attraktionen ihr ein Lächeln ins bekümmerte Gesicht. Die Dunkelheit brach schon herein und alles begann zu leuchten. Erst jetzt fielen ihr die vielen anderen Geschöpfe auf. Feen aus den Gebirgen unterhielten sich mit Riesen, die in einer Gruppe aus dem dritten Königreich herbei gekommen waren. Schamanen sangen und mischten Medizin für ihre „Brüder aus dem Norden“. Viele Züchter protzten mit ihren rubinfarbenen oder silbrig schimmernden Drachen. Von den Dämonen waren nur wenige gekommen, da die meisten von ihnen feindselig und unberechenbar lebten. Die Elfen schätzen ihre Art nicht und befürchteten Streit am Tag des Shirqûinty. Schon oft hatten die Dämonen sich einen Jux erlaubt und die Festtage der Elfen ins Verderben gestürzt und nun durften nur noch wenige von ihnen mit in die Dörfer ziehen. Doch alles in allem war es ein Fest, wie es kein zweites gab. Sowohl Arme als auch Reiche nahmen daran Teil. Auch Nylwias Familie kam aus ärmlichen Verhältnissen. Sie und ihr Vater lebten alleine in einer kleinen Hütte in der Nähe des Markplatzes. Ihr Zimmer war klein und schäbig, der Garten verdorr und die Blumen schrieen nach Wasser. Doch die zwei waren glücklich. Leichtfüßig schritt Nylwia über den Platz und hielt Ausschau nach den Sirenen. Ihr Gesang zog nun schon seit Jahren alle in ihren Bann. Es war ein Gefühl von Unbekümmertheit, wenn diese Phase über einen herein brach. Man vergaß Sorge und Trauer. Als Nylwia an der kleinen, mitten auf dem Marktplatz erschienenen Bucht ankam, erwartete sie vollkommne Stille. Und jene Stille breitete sich langsam in ihr aus, hallte in ihr wider, lies andere Geräusche ersticken und durchfloss ihre Gliedmaßen. „Wo sind sie?“, fragte sie in diese ungewohnte Stille hinein. Es schwamm niemand im Wasser. Kein Gesang erfüllte die Luft mit Fröhlichkeit und Sorglosigkeit und niemand interessierte sich für das leicht plätschernde Gewässer, niemand bis auf Nylwia. „Wo sind sie?“, wiederholte sie, ging in die Hocke, und berührte das Wasser. Ein Tropfen perlte an ihrer Hand hinunter zurück in den kleinen Teich.

„Weg.“

„Wo…?“, ihre Stimme verging und sie drehte sich um. Eine Nymphe, so blau wie der Regen stand vor ihr, gehüllt in ein seidenes Gewand und redend mit einer weisen und beruhigenden Stimme.

„Ich habe sie gesehen, wie sie starben und wie sie auferstanden. Ich bin so alt wie das Meer und so weise, wie alles, was darin umher wandelt. Doch dieses Jahr erfuhr ich keine Nachricht, keine Absage und auch kein Lied von den Sirenen. Ich habe schon lange nicht mehr mit dem Meer gesprochen, doch ich weiß, dass es trauert. Es weint förmlich und scheint nicht wie früher. Es war voller Leben, nun liegt es im Sterben und ich…“, langsam lächelte sie, „…mit ihm.“

Vor Nylwia zersprang das ach so schöne Wesen in tausend einzelne Wassertropfen, floss auf Nylwia hinab, in blauen Tropfen, und hinunter auf die Straße. Das Wasser zog sich bis in die Lücken zwischen den Pflastersteinen. Die junge Elfe hatte sich jedoch, im Wissen den Tod der Nymphe an sich zu haben, schon längst abgewandt und lief zum Gasthaus ihres Vaters Syrtax. Von außen sah es tot aus. Die Fensterläden waren zu, die alte Holztür ließ sich nur schwer öffnen und auf dem Dach fehlten einige Schindeln. Erst als sie eintrat, merkte sie, dass „der rostige Knappe“ lebte. Elfen aßen, lachten und feierten. Sie musste sich gerade zu zum Tresen durchkämpfen. Immer wider drehte sie sich um, in der Angst ihn zu übersehen. Doch schon bald merkte sie, dass das blonde Haar und das braune Paar Augen vor dem Tresen zum Gesuchten gehörten. „Gwindor!“, rief sie und setzte sich zu ihrem Vater. Gwindor war ein Freund der Familie welcher, seit seiner Zeit im Militär Zilkürs, für den König arbeitete und dem entsprechend fein gekleidet war. Stolz trug er eine rote Uniform mit schwarzen Knöpfen und weißen Nähten. „Ich habe dich schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen, Nylwia“, sagte er und umarmte sie freundschaftlich.

„Gwindor ist dieses Jahr für die Organisation des Shirqûintys zuständig.“, entgegnete Syrtax seiner Tochter. „Die Sirenen sind dieses Jahr nicht gekommen!“

Nylwia hatte nicht vernommen, was ihr Vater sagte. Ihre Gedanken beschäftigten sich vollkommen mit den Geschehnissen des Abends. Es war, als hätte sie ins Licht geblickt und wäre kurzzeitig blind geworden. Hatte sie Gwindor angelächelt? Nein, ihr Blick drang durch ihn hindurch, gefesselt auf einen Gedanken… Er war wie ein Bruder für sie, doch an diesem Abend stimmte etwas nicht…

„Nun ja…“, Gwindor zögerte weiter zu sprechen, „Wir hatten sie eingeladen, doch es wurde keine Antwort erstattet.“

„Du weißt warum, oder?“, Nylwia wurde misstrauisch und durchbohrte Gwindor mit Blicken. Doch sein Gesichtsausdruck blieb wie versteinert. Langsam beugte er sich zu ihr hinunter.

„Ich darf die Pläne des Königs nicht einfach publik machen. In der Öffentlichkeit darüber zu reden, könnte Panik auslösen. Wir treffen uns heute Abend bei euch zu Hause und essen zusammen.“

Nylwia nickte verständnisvoll, wenn auch etwas konfus. „Geh zu Eylon, einem Kartographen aus dem Süden. Das würde dich bestimmt interessieren!“, waren die Worte, die das Mädchen vernahm, als sie das Gasthaus verließ und Gwindor, Bruder, Freund, Teil der Familie, den Rücken gekehrt hatte.


Kapitel 2: Quir Folus Zilküris ertumi palîs Eylonó

Die Sitzbänke waren unbequem, ein Dach über dem Kopf hatten sie nicht und die einzige Lichtquelle im Zelt war eine Fackel, die nur die hinterste Ecke beleuchtete. Eylon, ein alter, weiser Mann, mit schütterem Haar und grauem Bart verdiente sich hier sein Gnadenbrot. Langsam nur bewegte er sich aus einer, der wenigerer ins Licht getauchten, Ecken, in die Nähe seines Publikums. Nylwia war, als hätte man seine Knochen knacken gehört und als würde sein Kiefer schief am oberen Teil des Kopfes befestigt sein. Seine Zähne waren schwarz, und viele von ihnen zerbarsten. Eins seiner Ohren war kleiner als das andere, und besaß Brand und Kampfspuren. Trotz all dieser Aspekte machte er auf Nylwia keinen dummen oder verkümmerten Eindruck. Stolz stand er vor den vier bis fünf Sitzbänken, bemalt mit schamanischer Farbe, die Haare zu einen Zopf gebunden, seine Muskeln aus vergangenen Tagen zeigend.

„Zilkür“, begann er und setzte sich auf einen kleinen Schemel, „ist eingeteilt in zwei Gebirge, einen Wald, drei Königreiche und ein Meer.“, er zog eine alte, vergilbte Karte aus der Hosentasche, „Im Osten liegt Listêrd, das einzige große Meer. Von ihm aus fließt ein Fluss quer durch Zilkür und trennt den Norden vom Süden. Oberhalb des Flusses lässt sich das erste Königreich finden. Hier leben ausschließlich Elfen. Satte, grüne Felder, Städte und Avén, die Hauptstadt des ersten Königreiches sind sehenswerte Dinge unserer Heimat. Weiter nördlich befindet sich eines der zwei Geschwistergebirge, Nathel. Die Feen besiedelten sowohl Nathel, als auch das im Süden gelegene Sisteron vor langer Zeit. Unterhalb des Flusses lässt sich in westlicher Region das dritte Königreich finden. Hier leben viele verschiedene Wesen in Harmonie nebeneinander. Riesen, Elfen, Zwerge und vereinzelt auch Feen. Die Städte des dritten Königreiches sind groß und alt und immer wider bekommt man große Seen und weites Weideland zu sehen. Das zweite Königreich, unter Herrschaft der Nymphen, wird auch Quish Eira genannt.“, seufzte er und strich mit dem Finger über die lederne Karte, „Küsten, Wälder, kleine Felder mit Lava und Vulkanen, Wasserfälle und Seen. Diesen Eindruck gewann ich, als ich vor drei Jahren mit einer guten Freundin, welche selbst auch das Leben einer Nymphe lebt, dort war. Diese weisen und gutmütigen Wesen erschufen sich vor der Zeit des ersten oder dritten, ihr eigenes Königreich. Wald-, Feuer-, Regen- oder Feldnymphen konnten sich durch ihr Reich, geschaffen für sich selbst, gegenüber den anderen behaupten. Doch ich bin nicht her gekommen, um euch von der Karte zu erzählen, sondern von ihrer Geschichte…“

In dem Zelt begann purpurner Nebel aus einigen Schalen aufzusteigen und Eylon verschwand in ihm, wie ein Geist. Seine Schritte waren zu hören, er bewegte sich auf die Sitzbänke zu, und doch kam es Nylwia so vor, als würde er sich hinfort begeben.

„Die Geschichte Zilkürs beginnt weder im ersten oder zweiten, noch im dritten Königreich. Vor unserer Zeit, vor der Zeit der Elfen, Nymphen und Zwerge war die Erde rot wie die Sonne und der Himmel schwarz wie die Nacht. Heißes, verglühtes Gestein, rann die Berge wie Flüsse aus Blut hinunter. Die Erde bebte, Tag für Tag riss es die steinernen Plattformen auseinander. Schluchten entstanden und Gebirge wurden durch die aufeinander treffenden Erdplattformen miteinander verkeilt und in die Höhe gedrückt. Ihr Inneres füllte sich mit den glühenden Strömen. Welches Wesen könnte solch ein Szenario überleben? Keine Nymphe hätte es geschafft, nicht zwischen den Gebirgen zu verbrennen. Doch es gab Geschöpfe, mystische Kreaturen, die anmutig auf ihnen Platz nahmen, die ihre Flügel sanft um die verglühte Erde schlangen und über Zilkür wachten. Drachen. Sie sind nicht tot… Sie haben den Beginn unserer Welt überlebt, sie werden auch das Ende sehen. Ich rede nicht von den kleinen Zuchtdrachen, die die Größe eines Elf erreichen, ich rede von den Freien, alten Drachen. Von denen, die einen Berg in Anspruch nehmen. Erst darauf entstanden die ersten Völker. Elfen, Feen, Nymphen und Harpyien und Dämonen.“, Eylon fiel in einen Trott des Redens, so als wollte er beginnen seine Sachen zu packen, weil es ihm zu langweilig wurde, ihnen die Geschichten aus dem neuen Reich zu erzählen, „ Die berühmten Drachenzuchten gibt es nur an einem Ort im Lande. In der Stadt der Altelfen. Sie sprechen die alte Sprache, die ihnen angeblich von den Drachen geschenkt wurde und leben, ohne Gefahr zu befürchten. Ihre Kartographen sollen Bibliotheken zusammengetragen haben, und wüssten jedes Geheimnis Zilkürs. Jeden Stein hätten sie aufgezeichnet und die alten Bücher lägen auch bei ihnen. Und obwohl so viel über sie bekannt ist, weiß niemand wo sie liegt. Die Stadt, in der sich das Meer spiegelt, Bartilôn.“

Nylwia erhob sich abrupt und schaute sich um. Dichter purpurner Nebel versperrte ihr die Sicht auf den Ausgang des Zeltes. Ohne zu wissen, in welche Richtung, rannte sie einfach los und als sie die dichte Nebelwand durchbrach und sich umschaute stand kein Zelt vor ihr… Benommen schüttelte sie den Kopf, drehte sich ein zweites, drittes Mal und fiel zu Boden. Vor ihr stand Eylon, eine fröhliche Miene aufgesetzt und hinter ihm sein kleines, rosafarbenes Zelt. Sie verbeugte sich kurz vor dem Kartographen und lief nach Hause, verwirrt und schnell.

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